Montag, 12.01.2026

Erster Teil

Donnerstag 11. Juni 2026

EINS

Heute führt die New York Times auf der letzen Seite ihrer internationalen Ausgabe sechs Hotels auf, die mittlerweile mit ausgeklügelten Alternativen abseits allgegenwärtiger Alkoholfanfaren zu überzeugen wissen. Denn dank des Dry-January-Trends, der, damals von Großbritannien aus rübergemacht, in den Vereinigten Staaten weiterhin an Fahrt aufnimmt, spielen die trockenen Tage zu Jahresbeginn bei den Reiseplanungen vieler Amerikaner eine zunehmend wichtige Rolle. Die Zeitung erklärt, den Hotelmanager des ebenfalls genannten Grand Hyatt Vail zitierend, man könne das allein anhand der eingehenden Erkundigungen über die entsprechenden Angebote sehr gut sehen. Die gestiegenen Mocktail-Verkäufe tuen sicher das Ihrige, um diesen Eindruck mit dem entsprechenden Zahlenwerk zu untermauern.
Natürlich ahnt Westing Welpenohr, der seinen Alkoholkonsum in den letzten Jahren deutlich zurückgeschraubt hat, zu diesem Zeitpunkt von alledem noch nichts. Oder doch?
Den frühen Morgen über liest er, tief unter die Bettdecke gegraben und einen mit Schokolade überzogenen Weihnachtskeks mümmelnd, die letzten nach dem Wochenende noch verbliebenen Seiten aus Émile Zolas Roman Thérèse Raquin, dessen Lektüre er am 01.01.2026 irgendwann auf der Zugfahrt von Hamburg nach Köln begonnen hat, während sich nun eine gewisse Unzufriedenheit auszubreiten droht. Ihm ist es nämlich nicht gelungen, Zolas Erstling, der in der von Ernst Hardt besorgten und im Insel-Taschenbuchverlag veröffentlichten deutschen Übersetzung keine 280 Seiten stark ist, in den neun Tagen zu bewältigen, die er aufgrund seiner 30-Seiten-pro-Tag-Leseroutine eigentlich nur hätte benötigen dürfen, um nun weitere 90 Seiten tief im nächsten Romangeschehen stecken zu können. Vermutlich also nicht.
Sicherlich harrt irgendwo in seinem Hinterkopf der von Anselm Haverkamp in einer Fußnote zu dem in das Buch Figura cryptica. Theorie der literarischen Latenz eingegangene Aufsatz Schreibzeit. Geschichte als Entzug angemerkte Umstand, dem die germanistische Forschung nach Haverkamp äußerst stiefmütterlich gegenübersteht, quietschvergnügt seiner neuerlichen Entdeckung, die amerikanische Übersetzung der Jahrestage Johnsons verwende den originalen Wortlaut der clippings der New York Times. Aber was heißt das schon.
Übrigens, was hier nur der Vollständigkeit halber noch eingeschoben wird, ist der genannte Aufsatz erstmals in dem Band Hanne Darboven: Schreibzeit unter dem Titel Entzug der Geschichte. Die Recluse am Burgberg veröffentlicht worden.
Per WhatsApp setzt Westing anschließend seine beinahe obligatorisch gewordene Guten-Morgen-Begrüßung an Freundin und Familie ab, starrt noch einige Sekunden gedankenverloren auf das iPhone-Display, ohne dass sich eine Erwiderung andeutet, und macht sich daran, sich noch einmal jene Absätze im dreizehnten Kapitel der Thérèse zu Gemüte zu führen, die Lorenz’ Besuch im Leichenschauhaus gewidmet sind. So will er prüfen, ob Zola mit dem, was das Leichenschauhaus, einem Schauspiel vergleichbar, das sich jeder leisten kann, für den Protagonisten an Leidenschaften bereithält, Aristoteles’ Poetik zitiert, falls das überhaupt mittels zweier Texte bewerkstellig werden kann, die ihm ausschließlich in der Übersetzung zugänglich sind. Die Poetik, die er bislang nur in der von Manfred Fuhrmann im Reclam-Verlag vorgelegten Übersetzung kennengelernt hat, begleitet ihn in der Ausgabe von 2002 seit seiner Teilnahme am Proseminar über antike Dichtungstheorien im ersten Semester, für das er sich ebenfalls Horazens Ars poetica und Ps.-Longinus’ Traktat Vom Erhabenen angeschafft hat. Dann trudeln auch schon die ersten Nachrichten auf seinem Smartphone ein, deren Beantwortung er sich unverzüglich widmet. Hastig tippt er die Frage an seine Mutter ein, die, eine über das Wochenende liegengebliebene Unterhaltung aufgreifend, in einem von ihm als sehr bestimmend imaginierten Tonfall erklärt, keine weiteren Ausgaben der Lübecker Nachrichten mehr schicken zu wollen, ob denn noch welche unterwegs seien, worauf prompt ein ihn ungemein erleichterndes Nein folgt. Dieses kopiert er und fügt es in den Chat mit seiner Freundin als Antwort auf ihre Frage ein, wobei er hofft, dass wenigstens die Erleichterung an ihrem Platz verbleibt, ob er gestern Abend noch das Paket beim Nachbarn abgeholt habe. Sekunden später entspinnt sich ein dichtes Telefonat mit ihr, das laut Telefon-App eine Stunde und drei Minuten dauert und währenddessen er, wie die Health-App verrät, fast 4000 Schritte hinter sich bringt.
Insgesamt wird die Health-App bis zum Ende dieses Tages 13684 Schritte gezählt haben.


(Fortsetzung folgt)