Was treibt wohl Slavoj Žižek gerade?

Szenen

Donnerstag 28. Mai 2026

Erste Szene

In einem kleinen Buchladen.
Eine Buchhändlerin hinter der Theke. Peter Mühlhammer tritt auf.

BUCHHÄNDLERIN
Guten Tag Herr Mühlhammer, was darf es denn dieses Mal sein? Ein Buch bestellen oder abholen?

PETER
Weder noch. Ich nehme die Bretonischen Versuchungen gleich mit (legt das Exemplar auf die Ladentheke).

BUCHHÄNDLERIN
Soll ich Ihnen das Buch als Geschenk einpacken?

PETER
Warum nicht… Das ist doch der neuste Bannalec?

BUCHHÄNDLERIN
Gerade erschienen (prüft sicherheitshalber das Impressum). Einen neueren finden Sie höchstens in einer der Schubladen des Autors. Falls er oder sie es schon hat, können Sie das Buch jederzeit zurückgeben (fängt an, das Buch in Geschenkpapier einzuschlagen).

PETER
Oder ich behalte es.

BUCHHÄNDLERIN
Zwischen Ihren Büchern wird es sich sicher nicht wohlfühlen, wenn ich mal überlege, was Sie schon alles bei uns bestellt und gekauft haben. Bringen Sie es einfach zurück.

PETER (schmunzelnd)
In Ordnung.

Mittlerweile hat die Buchhändlerin das Buch in Geschenkpapier eingepackt. Sie wendet sich der Kasse zu.

BUCHHÄNDLERIN
Wie möchten Sie zahlen? Bar oder mit Karte? Sie zahlen immer bar. Nicht wahr? 18€ macht das.

Peter
Bar. Ja (reicht ihr einen 20€-Schein). Der Autor verwendet ein Pseudonym. Franzose ist er gewiss nicht. Die 2€ sind für Sie.

BUCHHÄNDLERIN
Ja, er gibt sich Mühe, alles recht französisch wirken zu lassen. Danke. Nein. Behalten Sie Ihr Geld ruhig (gibt ihm das 2€-Stück).

PETER (beiseite)
Kleingeld für den Waschsalon (zu ihr). Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.

BUCHHÄNDLERIN
Vielen Dank. Den wünsche ich Ihnen auch. Auf Wiedersehen.

PETER
Auf Wiedersehen.

Christian Hockenbrink betritt den Buchladen.

BUCHHÄNDLERIN
Guten Tag Herr Hockenbrink, was kann ich für Sie tun?

HOCKENBRINK
Ich habe das ein oder andere Buch bestellt.

Zweite Szene

Vor dem Buchladen.
Peter zieht sein iPhone aus der Tasche, sucht ein Foto von Hockenbrink via DuckDuckGo, tippt in einen WhatsApp-Chat.

PETER MÜHLHAMMER (14:37 Uhr)
Gerade habe ich ein Buch gekauft. Da kommt DER Typ in die Buchhandlung. Ich habe ihn eigentlich nur an der Stimme erkannt (sendet das Foto von Hockenbrink).

SILKE GROSS (15:05 Uhr)
DEN Kerl habe ich in meinem Leben noch nie gesehen. Aber wenn du ihn kennst, dann freut es mich für dich.

Peter tippt in einen Chat der Signal-App.

PETER MÜHLHAMMER (14:39 Uhr)
Gerade habe ich ein Buch gekauft. Da kommt DER Typ in die Buchhandlung. Ich habe ihn eigentlich nur an der Stimme erkannt (sendet das Foto von Hockenbrink).

RALF MÜHLHAMMER (14:41 Uhr)
Und den kennt man woher?

PETER MÜHLHAMMER (14:46 Uhr)
z.B. aus den Rentnercops.

ULRIKE MÜHLHAMMER (14:54 Uhr)
Ich kenne den.

Dritte Szene

Im sonnendurchfluteten Wohnzimmer einer schicken Altbauwohnung.
Ein hübsch gedeckter Esstisch im Hintergrund. Silke Groß und Peter Mühlhammer hängen auf dem Sofa.

SILKE (unvermutet)
Was treibt wohl Slavoj Žižek gerade? (tippt sogleich angeregt auf ihrem iPhone)

PETER
Vermutlich hockt er allein in seiner winzig kleinen Bude in Ljubljana, die von Büchern, DVDs und CDs nur so wimmelt, und liest weiter heiter Hegel, weil man das eben so macht, wenn das marxistische Projekt - und wann tut es das einmal nicht - in der Krise steckt. Lenin hat es getan. Sogar Marx selbst. In dieser Tradition sieht er sich.

SILKE (abwesend; als lese sie aus einer Zeitung vor, obgleich nicht klar ist, ob es nicht tatsächlich so ist, da sie weiterhin mit dem Handy zugange ist)
Alexander Zverev klagt nach seinem Erstrundenaus in Wimbledon über Einsamkeit.

PETER
Dann soll er halt Doppel spielen.

Es klingelt. Silke merkt auf. Peter ist schon auf dem Weg zur Wohnungstür und öffnet kurz die Wohnungstür.

POSTBOTE (ruft; es hallt durch den Hausflur)
Post.

SILKE
Willst du nicht wissen, wer an der Tür war?

PETER
War nur der Postbote (setzt sich wieder aufs Sofa).

SILKE
Sicher? Du erwartest immerhin Besuch (widmet sich wieder ihrem iPhone).

PETER
Sicher.

Längere Zeit tut sich nicht viel. Silke macht auf Peter aber einen zunehmend unzufriedeneren Eindruck.

PETER
Kommst du weiter?

SILKE
Apples Notizen-App autokorrigiert mich ständig, da ich, wie es aussieht, die Funktion nicht deaktiviert habe, und verwandelt Zizek jedes Mal in Zitzen, als würde ich es nicht merken (führt es vor). Jetzt möchte ich diesen Mist endlich abstellen und weiß nicht, wie es geht.

PETER
Schau im Netz nach. Vergiss das Hatschek nicht, das auf die beiden Zs kommt.

SILKE
Habe ich schon. Und wie man das einfügt, weiß ich ebenso nicht.

PETER
Auf dem iPhone geht das, glaube ich, auch nicht. Du kannst zwar eine Buchstabentaste länger gedrückt halten, um dir verwandte Buchstaben anzeigen zu lassen, aber das Z verfügt über keinerlei solcher Verwandtschaftsverhältnisse.

SILKE
Armes Ding (probiert es trotzdem mal aus).

PETER
Auf dem Mac wiederum sieht die Sache anders aus. Öffne einfach das Bearbeiten-Dropdown, klicke auf Emoji & Symbole, wähle in dem neuen Fenster Lateinisch aus, scrolle zu dem gewünschten Buchstaben, klicke ihn an und schwupps landet er in deinem Text. Das gilt übrigens auch für Pages.

SILKE
Okay (tippt wieder auf ihrem iPhone).

PETER
Was tippst du jetzt?

SILKE
Peter, Schreiben braucht Geheimhaltung, wie Roland Barthes so schön sagt.

PETER
Uhhh. Silke die Geheimniskrämerin. Keine falsche Scham. Spuck’s aus.

SILKE
Mmh… (überlegt) Ovids Ars amatoria, die in Liebessachen eine wahrlich nützliche Anleitung bietet, empfiehlt der Frau, ihre Schönheitspflege dem Blick der Männer zu entziehen, weil alles Unfertige, das zutage liegt, Anstoß erregt. Nur eine Kunst, die sich zu verbergen versteht, befördert die Schönheit, was dem berühmten ars adeo latet arte sua aus der Pygmalion-Episode der Metamorphosen nicht unähnlich ist. Der Schreibprozess als weibliche Schönheitspflege. Verstehst du? Bleib draußen vor der Tür. Für den lateinischen Vers lautet die Reclam-Übersetzung, von Michael von Albrecht besorgt, übrigens: So vollkommen verbirgt sich im Kunstwerk die Kunst.

PETER (meint, den Kniff durchschaut zu haben)
Halt keine Volksreden.

SILKE (atmet resignierend aus)
Na gut. Ich habe eigentlich nur die Frage, die mir ein guter Auftakt für ein Theaterstück zu sein scheint, plus ein paar erste Ideen eingetippt. Im Moment bin ich mir nämlich sicher, den Stier bei den Hörner gepackt zu haben.

PETER
Welche Frage?

SILKE
Was treibt wohl Slavoj Žižek gerade?

PETER
Aus dem Fetzen willst du dir ein ganzes Stück schneidern? Warum überhaupt Theater?

SILKE
Vor Wochen habe ich in Theater heute oder in Theater der Zeit, was keine Rolle spielt, da beide die Ausschreibung in ihrer Mai-2025-Ausgabe bringen, von dem von der Kleiststadt Frankfurt (Oder), der Dramaturgischen Gesellschaft und dem Kleist Forum Frankfurt (Oder) ausgelobten Kleist-Förderpreises für neue Dramatik 2026 gelesen und gedacht, dass das etwas für mich sein könnte. Oder? Du sagst doch, ich solle mir ein Projekt suchen. Unter den bisherigen Preisträgern habe ich den 1981 geborenen Wolfram Lotz entdeckt, dem der Preis 2011 für sein Stück Der große Marsch zugesprochen worden ist, als das Ganze noch Kleist-Förderpreis für junge Dramatik (bis 2024) hieß und man nicht älter als 35. Jahre sein durfte, um zugelassen zu werden.

PETER
Das Stück ist zusammen mit Einige Nachrichten an das All und Die lächerliche Finsternis als Taschenbuch im Fischerverlag erschienen. Du findest es in meinem Bücherregal.