Schatz und Hase
Eine kurze Szene
Im Schlafzimmer. Hase sitzt im Bett, den Rücken an das Kopfteil gelehnt, und liest. Schatz tritt auf und legt sich sogleich ins Bett.
SCHATZ
Gute Nacht, Hase.
Dreht sich auf die Seite, knipst die Nachttischlampe aus. Schummriges Licht.
HASE
Machst du das Licht bitte wieder an. Ich möchte noch etwas mit dir besprechen. Dafür sollten wir schon zu zweit sein.
Klappt das Buch zu, legt es in den Schoß und platziert die gefalteten Hände auf dem Buchdeckel.
SCHATZ
Auch wenn das Licht aus ist, bist du nicht alleine. Deine Worte werden Gehör finden. Da musst du gewiss keine Angst haben.
HASE
Die habe ich auch nicht, Schatz. Ich fürchte einfach nur, dass ich gleich wieder einsam vor mich hin monologisieren werde. Sobald nämlich dein Licht aus ist, schläfst du meiner Erfahrung nach sehr schnell ein.
SCHATZ
Dann denk dir doch einfach meine Antworten oder weck mich, wenn du meinst, dass es jetzt gleich besonders wichtig wird. Neben dir liegt ja schließlich kein Toter.
HASE
Noch nicht. Hihihi.
Würgt übertrieben den Hals. Lässt ab.
SCHATZ
Also. Gute Nacht.
Gibt Hase einen Kuss auf die Wange und kuschelt sich tief in die Decke ein.
HASE
Mach das Licht wieder an. Ich will mit dir reden.
SCHATZ
Das Licht bleibt aus. Es stimmt einfach nicht, dass ich immer direkt einschlafe, sobald es aus ist.
HASE
Doch. Es stimmt. Glaub mir.
SCHATZ
Beweise?
HASE
Denk nur mal an die letzte Woche.
SCHATZ
Wir haben lebhaft diskutiert.
HASE
Lebhaft diskutiert. Das ist doch lächerlich (zeigt den Vogel). Ja, du hast Aristoteles zitiert, als ich geklagt habe, wie hanebüchen unpoetisch heutige Theaterdialoge seien, als wäre das Dichten von Dialogen eine unbeherrschbare Technik. Aber mehr als ein merkwürdiges Brummen ab und zu kam danach auch nicht. Mmmmmh.
SCHATZ (beiseite)
Meistens sind es überhaupt keine Dialoge, sondern Monologe, und die werden höchstens mal auf verschiedene Schauspieler verteilt. Theatermacher sollten sich also nicht wundern, wenn dem geneigten Zuschauer das Kinn auf die Brust rutscht. ERMÜDEND.
(zu Hase)
Zweimal habe ich ihn sogar zitiert.
HASE
Bitte?
Unterbricht das Brummen.
SCHATZ
Zweimal.
Macht das entsprechende Zeichen mit der rechten Hand.
SCHATZ
Zunächst habe ich daran erinnert, dass, wenn man Aristoteles zur Hand nimmt, das Schreiben von Dialogen keineswegs schwierig, sondern ein leicht zu beherrschendes Handwerk ist. Bereits Amateurdichtern traut er in Sachen Dialog- und Charaktergestaltung einiges zu, was sicherlich nicht von ungefähr kommt. Denn beim gesprochenen Dialog ist die Natur federführend und schenkt den Dichtern, die es ja der Alltagskonversation nur abzulauschen brauchen, das geeignete Versmaß, den Jambus. Bei der Fabelkomposition allerdings ist der Fall anders gelagert. Amateure sind hier heillos überfordert, wenn es um das Zusammenfügen der Geschehnisse geht. Erfahrene Profis wissen deshalb auch, dass es beim Dichten in erster Linie um die Fabel geht und nicht um das Gequatsche auf der Bühne.
HASE (winkt ab)
Naja, grobschlächtig paraphrasiert hast du ihn.
SCHATZ
Sogar mein Lieblingszitat habe ich anbringen können. Also nix mit Schlafmütze. Dichtung ist etwas Philosophisches und Ernsthaftes.
HASE
Gott verhüte, dass man sich dieser Tintenkleckserei bloß einmal widme, um ein paar Mußestunden zu verleben, dem Nachhängen sanfter Wolkenschlösser gleich. Da haben es die Dichterinnen schon besser getroffen. Man denke nur an Weißes Vorbericht zu dem Trauerspiel „Düval und Charmille“, dessen Verfasserangabe lautet, als wäre der Name schlicht hinfortgeweht worden, es sei von einem Frauenzimmer verfertigt: Zum Zeitvertreib habe dieses es sich bei ländlicher Muße gemütlich gemacht und in völliger Absichtslosigkeit ein Drama hingeworfen. Welch wunderschöner Zufall. Nichts von Philosophie und Ernsthaftigkeit.
SCHATZ
Wie auch immer. Es geschah ohne Licht. Du benötigst schon mehr Beweise.
HASE
Nimm den gestrigen Abend. Dein Licht war kaum aus. Zack waren die Äuglein zu. Und als ich, ich blödes Dummerchen, später noch ratzfatz von dir wissen wollte, ob du eigentlich mitbekommen hast, dass im Düsseldorfer Wehrhahn-Verlag nun endlich die von Christian Wiebe herausgegebene und mit einem Nachwort versehene Tragödie „Charlotte Corday“ als Nummer 3 der Edition FONTE Autorinnen zwischen Barock und Aufklärung erschienen ist, hast du bereits tief und fest geratzt.
SCHATZ
Tatsächlich?
HASE
Sie folgt auf die Nummer 2 der Edition FONTE, die von Anna Ananieva herausgegebene und mit einem Nachwort versehene „Johanne Gray“ von Amalie Berg, ein Pseudonym, wie du mit Sicherheit weißt, unter dem die in Weimar lebende Johanna Amalie Ludecus, geborene Johanna Amalie Kotzebue, Cousine des Dramatikers August von Kotzebue, seit 1801 publizierte.
SCHATZ (schwärmerisch)
Was habe ich mich um dieses Trauerspiel in fünf Aufzügen bemüht.
HASE
Blieb von mir nicht unbemerkt.
SCHATZ (trotzig)
Egal. Ich schlafe nicht ein, sobald das Licht aus ist.
HASE
Wie du meinst. Zumindest schnarchst du nicht. Sonst hätte ich wahrscheinlich viel früher gemerkt, dass ich mit der Wand da vorne rede (zeigt geradeaus). Und was habe ich der nicht noch alles erzählt. Z.B. habe ich ihr gegenüber mein Bedauern geäußert, dass leider nicht überliefert ist, ob Schillers Neugier, die anfänglich überaus groß gewesen sein muss, letztlich gesiegt und ihn trotz der immensen Zweifel bewogen hat, eben jene 1804 in Hamburg bei B. G. Hoffmann anonym erschienene Tragödie „Charlotte Corday“ nicht nur in die Hand zu nehmen, sondern auch tatsächlich zu lesen.
SCHATZ
Vom Hölzchen aufs Stöckchen bist du gekommen. Kein Wunder, dass ich da nicht wach geblieben bin. Du hast mir schlicht das allabendliche Hörspiel ersetzt.
HASE
Bestimmt war sie auch ganz Ohr, als ich gemutmaßt habe, dass Schiller sich wahrscheinlich eine tiefergehende Auseinandersetzung mit dem Corday-Drama gegönnt hat, deren Gattungsbezeichnung „Tragödie in fünf Akten mit Chören“ eine auffällige Nähe zu seiner „Braut von Messina“ aufweist, die als „Trauerspiel mit Chören“ gekennzeichnet ist, was ihn bestimmt nicht kaltgelassen hat.
SCHATZ
Interessant.
HASE
Siehst du. Mach jetzt bitte wieder das Licht an.
SCHATZ
Nein.
HASE
Klappe zu, Affe tot? Die Leute können nach Hause gehen? Ja?
Steigt brummend aus dem Bett, zieht einen Sessel vor das Fußende des Bettes.
SCHATZ
So ist es.
Verfolgt gespannt, was Hase da so macht
HASE
Lass uns sterbender Schiller spielen. Du darfst auch Schiller sein.